Akute Entzündungen kennt jeder. Rötung, Schwellung, Schmerz. Das Immunsystem arbeitet, heilt, und dann ist die Sache erledigt. Silent Inflammation oder auch chronische Entzündungen genannt, funktioniert anders. Sie macht nichts von sich bemerkbar. Kein Schmerz, keine Schwellung, kein Fieber. Und genau das macht sie so gefährlich.
Schätzungen zufolge liegt bei der Mehrheit der Menschen in westlichen Industrieländern eine chronische stille Entzündung vor, oft ohne dass Betroffene es wissen. Sie gilt heute als gemeinsamer Nenner hinter Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes, Autoimmunerkrankungen, Alzheimer, Krebs und Depressionen und vielem mehr.
Ursachen der chronischen Entzündungen
Zu viel Zucker und Mehl treibt die Entzündungsreaktion, vor allem über oxidativen Stress in den Zellen und über die Förderung schädlicher Darmbakterien, an. Übergewicht trägt zusätzlich bei, weil Fettgewebe kontinuierlich entzündungsfördernde Zytokine produziert. Ein gestörtes Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren, wie es für die moderne Ernährung typisch ist, verschiebt das Immunsystem dauerhaft in Richtung Entzündung. Bewegungsmangel ist ein weiteres Problem. Wenn die Muskulatur arbeitet, werden entzündungshemmende Myokine ausgeschüttet. Wenn sie kaum bewegt wird, bleibt diese Bremse aus. Psychischer Dauerstress erhöht Cortisol und Blutzucker, was langfristig zur Insulinresistenz führt und die Entzündungslast weiter erhöht.
Chronische Entzündungen werden normalerweise nicht gemessen
Der klassische CRP-Wert, mit dem Entzündungen gemessen werden, wird erst auffällig, wenn die Entzündung bereits weit fortgeschritten ist, wie beispielsweise bei einer Mittelohrentzündung oder einer Blinddarmentzündung. Bei leiser, subklinischer Entzündung bleibt er oft normal, während die Schäden längst beginnen. Das hoch sensitive CRP (hs-CRP) liefert da bessere Ergebnisse. Dieser Marker wird aber nicht standardmäßig untersucht.
Chronische Entzündungen aus einem ganz normalen Blutbild ablesen
Genau hier kommt der Neutrophilen-Lymphozyten-Quotient ins Spiel, abgekürzt NLR. Er ergibt sich aus dem Verhältnis von Neutrophilen (häufig auch als neutrophile Granulozyten bezeichnet) zu Lymphozyten, und kostet praktisch nichts. Erstmals 2001 in der Sepsisforschung beschrieben, wurde der NLR in den 2010er Jahren zunehmend für chronische Erkrankungen untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2025 von italienischen Wissenschaftlern fasst den aktuellen Stand zusammen: Für die Errechnung des NLR werden die absoluten Messwerte, nicht die Messwerte in Prozent, genommen. Ein NLR zwischen 1 und 2 gilt als normal. Werte über 2,5 zeigen eine dosisabhängige Zunahme von Erkrankungsrisiken, darunter Nierenerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein NLR über 3 signalisiert relevante Entzündung. Bei Werten um die 2 lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Dazu kann man HS-CRP nutzen.
Sportler aufgepasst!
Sport führt zu einer vorübergehenden Entzündung und kann sich ebenfalls in einem erhöhten NLR oder erhöhtem hs-CRP zeigen. Da diese Entzündungen aber wieder abnehmen und auch nicht durch ungünstige Lebensstilfaktoren, sondern durch Sport erzeugt werden, wirken sie im Körper anders. Trotzdem sollte vor einer Laboruntersuchung 48 Stunden lang auf Sport verzichtet werden.
Der NLR ist ein einfaches, günstiges Werkzeug, das in der Routinepraxis bisher selten genutzt wird, obwohl die Datenlage dafür spricht, ihn regelmäßig zu erheben und zu beobachten.
Quelle: Carollo C, Sorce A, Cirafici E, Ciuppa ME, Mulè G, Caimi G. Silent Inflammation, Loud Consequences: Decoding NLR Across Renal, Cardiovascular and Metabolic Disorders. Int J Mol Sci. 2025;26(17):8256. Published 2025 Aug 26. doi:10.3390/ijms26178256




